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7.10.2020 / Menschen in Schöneberg

„Deutschland, Deutschland, du mein Alles“

von Maria Schinnen Victor Gudohr trafen die Beschlüsse des Versailler Vertrages hart. Als Landwehroffizier eines Freiwilligenkorps war er einer der ersten, die den Laufpass bekamen. Die unerbittliche Beschlusslage der alliierten Gegner lautete: Deutschland wird entwaffnet und das Heer auf 100.000 Mann beschränkt.

Zerlegen eines schweren Geschützes. Bundesarchiv Bild 146-1972-081-03

Die Deutschen sollten keine Kriege mehr führen, nur noch ihre Grenzen nach außen und den Frieden im Inneren sichern können. Also wurde Deutschland ab Sommer 1919 gezwungen, seine Wehrmacht aufzulösen und rund 300.000 Angehörige der Freikorpsverbände zu entlassen. Darunter war auch Victor Gudohr aus Friedenau.

Was aber sollte ein 51-jähriger aufrechter Nationalist, der bis dahin nur für Kaiser, Volk und Vaterland gelebt hatte, fortan tun? Die Demütigung nagte an seiner Prinzipienseele. Er sah sich seiner patriotischen  Lebensgrundlage beraubt. Als Anhänger der Deutschen Volkspartei (DVP) lehnte er die Republik ab. Doch an eine Rückkehr zur Monarchie war nicht mehr zu denken, das hatte der gescheiterte Kapp-Putsch im März 1920 allzu deutlich gezeigt. Was blieb also? Resignation? Rebellion? Anschluss an Gleichgesinnte?

Victor Gudohr entschied sich, für seine Überzeugung einzutreten und entdeckte den Friedenauer Lokalanzeiger für sich. Hier sah er die Möglichkeit, sich journalistisch zu verwirklichen und seinem Nationalstolz, seiner Deutschgläubigkeit, seiner völkisch-rassistischen Gesinnung Rechnung zu tragen. Von 1919 an belehrte er die Friedenauer mit seinen persönlichen Ansichten zu politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, prangerte Missstände an, mal gereimt, mal episch, beglückte mit selbst geschmiedeten Versen, Kiezgeschichten, Anekdoten und provozierte liebend gern gegen den modernen Zeitgeist. Immer wieder erhielt er aufgebrachte Zuschriften von Friedenauer Lesern, die sich seinen Provokationen und dem ewiggestrigen Blick entgegenstellten.

Dann kam der 16. Juli 1920. Die Konferenz von Spaa ging zu Ende und mit ihr die Hoffnung, dass es Deutschland weniger hart treffen möge, als der Versailler Vertrag es vorsah. Doch Deutschland wurde weiterhin als der alleinige Kriegsschuldige behandelt. Alle Einwände und sachlichen Begründungen gegen die Reduzierung der Armee auf 100.000 Mann und die enormen Reparationszahlungen hatten  beim „Feindbunde“ kein Gehör gefunden.

Victor Gudohr war enttäuscht. Sofort verfasste er einen langen Artikel, der schon vier Tage später im Friedenauer Lokalanzeiger erschien. Resigniert stellte er darin fest, dass Deutschland von nun an weder die Unruhen im eigenen Land, noch die Grenzen nach außen sichern könne. Es war seinen Feinden hoffnungslos ausgeliefert. Mit seiner guten Landwirtschaft, der industriellen Technik und seiner geographischen Lage im Herzen des Festlandes war es besonders gefährdet. Daher sei es geradezu unnatürlich, wenn einige „Vertrauensselige“ glaubten, die Grenznachbarn würden Deutschland schon nicht überfallen. An die Idee der „Volksverbrüderung“ im neu gegründeten Völkerbund, der den Staaten das Recht, Kriege zu führen, erstmals absprach, glaubte er nicht.

„Die Ausrottung der Kriege ist vergeblicher Kampf gegen die Naturgesetze. Wie der stärker wachsende Baum in seinem Schatten den Wurzeln des schwächeren die Nahrung, seinem Wipfel das Licht nimmt, kraft seiner stärkeren Natur, so muss ein Volk das Recht der Ausdehnung haben, wenn das von ihm bewohnte Land nicht mehr ausreicht. Will der Nachbar nicht nachgeben, dann ist das Letzte der Kampf ums Dasein. Dies ist das Wesen der Natur, die die Welt regiert und von der allein man regieren lernen kann ... Durch Vernichtung der Konkurrenz bewahrt man sich vor der Pleite ... Verlieren wir daher Spannkraft, den Rassenstolz und das Nationalempfinden, dann bedeutet dies unseren Völkertod und der Vernichtungswille unserer Gegner erfüllt sich ...“

Nach der Verherrlichung erfolgreicher deutscher Kriegsstrategien und der hervorragenden Kriegstechnik analysierte Victor Gudohr die Gründe für die Niederlage. Schuld sei die „Massensuggestion des Umsturzes“, die das Land und auch die Soldaten ergriff. Es fehlte auch an Kriegsmaschinen, vor allem Flugzeugen, die trotz vorhandener Projekte, nicht gebaut wurden. Hinzu kam die lähmende Wirkung des Stellungskrieges auf Führerinitiative und Soldatengeist, schließlich die fehlende Qualität des Soldatenmaterials. Um Kriege zu gewinnen, dürfe nicht jeder herangezogen werden, der den Titel „Mann“ trage. Die Soldaten müssten vielmehr ausgesucht, jung, gesund, von Vaterlandsliebe und Kampfesgeist erfüllt und widerstandsfähig gegen Strapazen sein.

„Die Zeit der Millionenheere dürfte schon aus wirtschaftlichen Gründen vorbei sein. Spätere Kriege  werden allein von Technik und Chemie redigiert werden ...  Wenn Deutschland also eine Wehrmacht von nur 100.000 Mann fernerhin halten darf, so muss diese die beste der Welt sein. Die hervorragendsten militärischen Eigenschaften müssen sich bei Führern und Soldaten vereinigen, das Menschenmaterial muss jung, die technische Ausbildung muss erstklassig und modern sein. Technische Kampfmittel werden dann in besten Händen liegen und auch diese kleine Armee wird Achtung gebietend und gefürchtet sein. Gelingt es, ein solches Heer zu schaffen, woran ich bei dem heutigen Zeitgeist allerdings nicht glaube, dann werden diesem Instrument erst recht sich deutsche Erfinder zuwenden. Ihnen also gehört die Zukunft der neuen Armee ... Helft daher den Ideen deutscher Erfinder auf die Beine und man wird wieder Achtung vor uns haben, auch vor nur 100.000 Mann.“

So weit die Ansichten des Victor Gudohr. Der Friedenauer Lokalanzeiger blieb nicht sein einziges Betätigungsfeld. Als Blechbläser trat er dem Musikkorps der 3. preußischen Nachrichten-Abteilung Potsdam bei. Er dichtete und komponierte Märsche wie „Den Osten frei!“, und auch der „Matrosentango“ aus der Kategorie „Leichte Musik“ stammte aus seiner Feder. Unter dem Titel „Deutschland, Deutschland, du mein Alles“ veröffentlichte er seine Ansichten zum Deutschlandlied und dichtete eine Variante dazu. Victor Gudohr starb 1955 als 87-jähriger Kriegsveteran in Berlin-Zehlendorf.

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