Rainer Mohnhaupt könnte schon längst seinen Ruhestand genießen. Doch das kommt für den Friedenauer überhaupt nicht in Frage. Seit über 40 Jahren ist er im Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. engagiert, davon langjährig in der Vorstandsarbeit.
Jetzt, im Herbst 2025, scheidet er auf eigenen Wunsch aus, um jüngeren Mitgliederinnen und Mitgliedern den Vortritt zu lassen. Sein Engagement über so viele Jahrzehnte ist bemerkenswert, der Verein hat ihm viel zu verdanken. Doch ans Ausruhen denkt er nicht. „Ich werde mir eine Nische im Nachbarschaftsheim Schöneberg suchen, vielleicht als Vormund für einen jüngeren geflüchteten Menschen. Ich mache mich da gerade schlau“, lacht er.
Mohnhaupt traf auf den Verein, als dieser gerade im Umbruch war, eine Neuausrichtung anstrebte. Die Entwicklung in den 70er Jahren stand im Zeichen der Kritik an der Gesellschaft und der Suche nach Lösungen für bessere, andere Lebensbedingungen. „Ich bin 1973 in die Beckerstraße gezogen, habe schnell Kontakt zu der Nachbarschaft gefunden und wurde Mitglied der Bürgerinitiative „Aktion Spielraum“. Rund 15 Nachbarinnen und Nachbarn waren darin engagiert, u.a. auch Jürgen Kipp, der mit ihm gemeinsam bis 2025 im Vorstand ehrenamtlich tätig war. „Damals wollten wir auf Wohnungsprobleme und Leerstand hinweisen. Wir wollten den Kiez beleben und mitgestalten“, erinnert sich Mohnhaupt. Im „Gelben Laden“ in der Cranachstraße 7 wurde monatlich eine kleine Zeitung gedruckt, mit der „Ruine des Monats“. Eine dieser Ruinen war ein brachliegendes Eckgrundstück an der Menzelstraße. Die Initiative erwirkte, dass der Bauspielplatz zunächst vom Bezirk in Besitz genommen und gestaltet wurde und schließlich dem Nachbarschaftsheim Schöneberg zur Nutzung übergeben wurde. Das Konzept stammte von der Initiative, der Bauspielplatz wird unter dem Namen Menzeldorf bis heute vom Nachbarschaftsheim Schöneberg pädagogisch betreut.
Das Nachbarschaftsheim Schöneberg saß damals in der Rembrandtstraße, in einer Kita, es war die einzige Einrichtung. Damals kannten sich alle, Festangestellte und Ehrenamtliche persönlich. Es waren andere Zeiten. „Wenn die einzige Erzieherin vor Ort Urlaub hatte, übernahm die Putzkraft die Kinderbetreuung“, lacht Mohnhaupt. Als Georg Zinner Ende der 70er Jahre die Geschäftsführung des NBH übernahm, lud er die Initiative ein, man einigte sich, und alle Engagierten der Bürgerinitiative traten damals geschlossen als Mitglieder in den Verein des Nachbarschaftsheims ein. Das brachte neuen Schwung, neue Ideen und Kontakte in die Nachbarschaft. „Im alten West-Berlin herrschte ein besonderer Geist damals, durch den Sonderstatus gab es viele Zulagen. Man wollte gestalten und für Menschen attraktive Lebensbedingungen schaffen“, so Mohnhaupt.
In den 70ern zog das Nachbarschaftsheim in die Fregestraße um. Das Haus wurde vom Bezirk überschrieben. Das war der Beginn der Wachstumsphase. 1980 bildete sich der Vorstand neu, auch Mohnhaupt und Kipp wurden gefragt und sagten zu. Nach seinen Beweggründen gefragt, betont er: „Ich war immer aktiv im Kiez, wollte den Kiez positiv für die Nachbarschaft gestalten. Außerdem brachte ich durch meine berufliche Tätigkeit viel Erfahrung in der Gremienarbeit mit“.
Die Aufbruchstimmung in West-Berlin nutzte das Nachbarschaftsheim Schöneberg für sich: „Der Verein wäre nicht zu dem geworden, was er ist, wenn wir andere Bedingungen gehabt hätten. Es gab mehr Gestaltungsfreiheit, auch durch großzügige finanzielle Förderung“, sagt Mohnhaupt.
Wachstum und Professionalisierung
Die 80er waren vom Aufbau geprägt, auch über den Kiez hinaus Das sah Mohnhaupt eher kritisch, war er doch immer kiezorientiert. „Wir haben begonnen, indem wir vier Seitenstraßen entwickelt haben“, betont er, ließ sich aber überzeugen, dass das Nachbarschaftsheim größer werden musste, um zu bestehen.
Im Zuge der Privatisierung der Kitas war das Nachbarschaftsheim gefragt, aufgrund seiner Größe und seiner Erfahrung. „Wir waren als großer Träger attraktiv für die Kitas“. Die Arbeit wurde komplexer, Fachleute wurden eingestellt, da die Anforderungen mit der Zeit gestiegen waren. Die Bürokratie und die Vorschriften im Zusammenhang mit den Zuwendungen hatten enorm zugenommen. Der Aufbau von EDV und Buchhaltung war notwendig. Wie sah die Arbeit im Vorstand aus? „Wir trafen uns einmal im Monat zur Sitzung, darüber hinaus gab es auch noch Einzeltermine, viele Kontakte zu Senatsmitgliedern oder im Abgeordnetenhaus wurden gepflegt. Die Sitzungen gingen i.d.R. nie länger als 3-4 Stunden. Im Vorstand gab es keine Schwerpunkte, jeder hat alles mitgetragen, musste alles verstehen und mitentscheiden. Der Umgang war stets sachorientiert und konstruktiv“, sagt Mohnhaupt. „Natürlich kann man mit dem Wachstum nicht mehr jedes Detail beachten. Da war man auf Informationen durch die Fachstellen angewiesen. Das hat immer gut funktioniert.“
Das Ehrenamt hat sich erst später institutionalisiert. „Am Anfang war das nicht geregelt, heute ist man versichert, und das Ehrenamt ist gesetzlich geregelt. Einige Vereinsmitglieder haben sich spezialisiert, bringen sich ein in der Rechtsberatung beispielsweise. Es kommen alle Altersgruppen, auch junge Leute, das ist wunderbar!“
Was ist ihm in all den Jahren besonders in Erinnerung geblieben? Mohnhaupt lacht: „Die Faschingsfeste fand ich wunderbar, damals in der Fregestraße, im Saal. Sie waren immer sehr lustig, es kamen Mitglieder, Familienangehörige, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, alle hatten viel Spaß. Ich genieße auch heute noch die Kulturveranstaltungen und die Nachbarschaftsfeste!“