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Jürgen Kipp - „Ich habe hier viel Zeit investiert, aber ich habe noch viel mehr zurückbekommen“

© Anita Back
Kategorie Ehrenamt, Nachbarschaft

Als Jürgen Kipp Ende der 70er Jahre mit seiner Familie in die Cranachstraße in Friedenau zog, ahnte er noch nicht, dass diese Nachbarschaft sein Leben prägen würde.

Er suchte einen Kitaplatz für seinen Sohn und fand ihn beim Nachbarschaftsheim Schöneberg. Kipp wurde Elternvertreter, engagierte sich gleichzeitig ehrenamtlich in der Bürgerinitiative „Aktion Spielraum“, die sich für den Bauspielplatz und eine Umgestaltung des Dürerplatzes einsetzte. Hier traf er auch auf Rainer Mohnhaupt, der später langjährige Weggefährte im Vorstand sein würde. Der Bauspielplatz wurde erfolgreicher Spielraum für die Kinder, dem heutigen Menzeldorf. „Auch für den Dürerplatz gab es ein Konzept, dass damals die Zustimmung der BVV erhielt. Es wurde leider nie umgesetzt. Man müsste es wiederbeleben“, erinnert sich Jürgen Kipp. 

Eintritt in den Vorstand

Nachdem Georg Zinner als Geschäftsführer die Geschicke des Nachbarschaftsheims leitete, suchte er Kontakt zu der lokalen Bürgerinitiative. Schließlich traten die Aktiven der Initiative 1980 geschlossen in den Verein des Nachbarschaftsheims ein. Jürgen Kipp wurde gefragt, ob er eine Position im Vorstand übernehmen möchte, und sagte zu. Er wurde schließlich zum Vorsitzenden gewählt. „Ich kannte Georg Zinner bis dahin kaum, wir waren anfangs sehr misstrauisch dem anderen gegenüber“, berichtet Kipp. „Ich und die anderen Nachbarinnnen und Nachbarn wollten einen kleinen Nachbarschaftskiezklüngelverein, Georg Zinner wollten den Verein vergrößern. Das passte auf den ersten Blick nicht zusammen. Dann haben wir uns zu einem ersten Austausch verabredet, und merkten, dass wir keinerlei Meinungsverschiedenheiten hatten. Zinner wollte das Nachbarschaftsheim Schöneberg zu einem großen, wirtschaftlich gesunden sozialen Träger entwickeln. Dabei suchte er die enge Begleitung durch mich. Wir haben an einem Strang gezogen, und eine Freundschaft entwickelt, bis zum Tod.“

Als Georg Zinner nach 35 Jahren in Rente ging, trat Jürgen Kipp aus dem Vorsitz zurück, um ihm den Weg im Vorstand frei zu geben. Doch fünf Monate später starb der ehemalige Geschäftsführer überraschend bei einer Veranstaltung. „Das war ein Schock. Die Vision und das Wissen, das er nach dieser langen Zeit hatte, waren nicht zu ersetzen“, erinnert sich Kipp. Er nahm wieder den Vorstandsvorsitz ein und führte seine Arbeit mit der neuen Geschäftsführung fort. 

Dankbarkeit und Stolz

Was war ihm dabei besonders wichtig? „Ehrenamtlicher Vorstand, das bedeutet in erster Linie zuzuhören, bereit zu sein zu einem Gespräch, und nicht in Aktionismus zu verfallen“, betont Jürgen Kipp. Er hat den Austausch mit den hauptamtlichen Mitarbeitenden immer geschätzt, ihnen zugehört und sie beraten, wenn es gewünscht war. Innerhalb des Vorstands gab es keine Konflikte, die Vorstandsmitglieder waren immer unabhängig. Mitarbeitende konnten kein Stimmrecht ausüben, eine Einflussnahme war nicht möglich. 

Einmal die Woche traf sich Kipp mit der Geschäftsführung zum Austausch, dann gab es monatliche Vorstandssitzungen und manche Termine darüber hinaus. Das nahm viel Zeit in Anspruch. Was hat ihn dabei motiviert?

„Ich habe hier viel Zeit investiert, aber ich habe noch viel mehr zurückbekommen, für meinen Beruf, mein Leben, meine Person. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt er. „Die Grundidee, im nachbarschaftlichen Miteinander demokratische Regeln kennenzulernen, ist immer noch richtig und wichtig. Heute, angesichts des Anstiegs von Nationalismus und Rassismus ist sie wichtiger denn je. Und ich bin stolz auf dass, was der Verein und die Mitarbeitenden hier leisten, was alles gut funktioniert.“

Der Verein hat sich über die Jahrzehnte stark verändert. Manche Entscheidungen führten bei Kipp zu Skepsis, beispielsweise, als die 1. Sozialstation eröffnet wurde. Der kaufmännische Aufwand, die schwierigen Verhandlungen mit den Krankenkassen, das betrachtete er mit Respekt, unterstützte aber auch hier die Geschäftsführung. „Es war eine konsequente Entwicklung und Teil der Wachstumsphase. Auch viele Kitas wurden damals vom Staat an den Träger abgegeben. Wir konnten sie inhaltlich und wirtschaftlich aufgrund unserer Größe besser führen.“ 

Offenheit für Impulse aus der Nachbarschaft

Das brachte natürlich auch mit sich, dass die Mitarbeitenden sich nicht mehr alle im Haus kannten. „Früher standen wir Sonnabendmorgens am Lebensmittelladen an der Ecke, tranken Kaffee, und alle kamen vorbei, Mitglieder und Mitarbeitende. Die Kinder spielten um uns herum, es herrschte eine tolle familiäre Atmosphäre und eine große Nähe. Jetzt müssen wir anstreben, dass in den einzelnen Einrichtungen die Atmosphäre so ist, wie sie früher im gesamten Verein war“, so Kipp. 

An einem zentralen Grundgedanken wollte er immer festhalten. Das Nachbarschaftsheim sollte offen für die Anliegen aus der Nachbarschaft bleiben. Wenn Menschen eine Idee für die Nachbarschaft umsetzen wollten, unterstützte der Verein nach seinen Möglichkeiten, so wie damals, als das Hospiz umgebaut wurde. Die Menschen hatten sich inhaltlich organisiert und wollten die Idee unter dem Dach des Nachbarschaftsheims verwirklichen. Und das hat funktioniert.

Jürgen Kipp hat sich nach über 40 Jahren aus dem Vorsitz des Vorstands verabschiedet, als Mitglied bleibt er dem Nachbarschaftsheim weiterhin freundschaftlich verbunden. Das Nachbarschaftsheim Schöneberg ist ihm zu großem Dank verpflichtet und froh, dass es kein vollständiger Abschied ist. Und bestimmt findet sich eine Gelegenheit, in Gemeinschaft einen Kaffee zu trinken und die familiäre Atmosphäre in der Nachbarschaft zu genießen!

Anmerkung: Jürgen Kipp ist leider am 17. Januar 2026 verstorben.