Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

„Die Arche Noah wurde von Laien gebaut, die Titanic von Fachleuten!“

30 Jahre Selbsthilfe Arbeit in Tempelhof-Schöneberg am 13. November 2015

Franziska Lichtenstein
Irmhild Harbach-Dietz
Alexandra Gotthardt
Helus Herczygier
Kreatives Schreiben

30 Jahre Selbsthilfe sind ein guter Grund zu feiern. Neu im Selbsthilfetreffpunkt, war es für uns ein gelungener Einstieg dieses Jubiläum zu organisieren. Unsere Vorgängerinnen hatten gute Vorarbeit geleistet. So konnten wir in kurzer Zeit diesen Tag organisieren. Ein Fachtag sollte es werden. Ganz außer Acht lassen wollten wir den feierlichen Charakter aber nicht. So erfreuten Alexandra Gotthardt (Klavier) und Helus Herzygier (Gesang) unsere 70 Gäste mit ihren wunderbaren musikalischen Interpretationen von Beatles bis Kreisler. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Frau Dr. Sybill Klotz, Bezirksstadträtin für Gesundheit, Soziales und Stadtentwicklung. Frau Dr. Klotz wies auf den hohen Stellenwert der Selbsthilfe für den Bezirk hin. Selbsthilfe ermöglicht es, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das ist schon der halbe Weg zur Besserung. Sie betonte die gute Verankerung der Kontaktstelle in bezirklichen Strukturen, wie z.B. in der AG Frauengesundheit und dem Gesunde Städtenetzwerk. Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg treffen sich ca. 220 Selbsthilfegruppen, davon 70 im Rahmen des Selbsthilfetreffpunktes.

„Was soll ich da noch sagen? Machen sie weiter so!“

Franziska Lichtenstein, Geschäftsführerin des Nachbarschaftsheimes Schöneberg, ging auf die Entwicklung des Treffpunktes ein. Er wurde am 11. November 1985 vom Sozialsenator Uli Fink eröffnet. Erster Standort waren umgebaute Kellerräume in der Fregestr. 52. Um die Hemmschwelle für Hilfesuchende zu verringern, wurde gleichzeitig ein kleines Café als offener Treffpunkt betrieben. Viel ist seitdem geschehen. Aus der Schreibmaschine ist ein Laptop geworden. Aus 20 Gruppen sind 70 geworden. Doch gleich geblieben ist, dass sich die Selbsthilfe an den konkreten Bedarfen orientiert und einen Raum für Eigenverantwortung und Selbstbestimmung bietet. Selbsthilfe macht stark. Die Selbsthilfekontaktstelle unterstützt die Gruppen durch das Bereitstellen von Räumen, bei der Öffentlichkeitsarbeit, bei Gruppengründungen und Problemen. Doch das meiste passiert in Eigenregie. Die Gruppen sind Profis in eigener Sache.

„Die Arche Noah wurde von Laien gebaut, die Titanic hingegen von Experten"

Dies Bild kam beim Publikum sehr gut an. Auch Herr Dr. med. Andreas Diekmann, Arzt für Neurologie und Psychiatrie, griff dieses Zitat immer wieder auf. Für Herrn Diekmann ermöglicht die Selbsthilfe, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen Sie ist die Emanzipation aus Fesseln, die durch Isolation und Stigmatisierung entstehen. Ich möchte an dieser Stelle Herrn Dr. med. Diekmanns Fazit zitieren, da es sehr gut die Wirkung von Selbsthilfe widerspiegelt.

„Selbsthilfe ist ein wesentlicher Faktor zur Selbstwirksamkeit, fördert Menschlichkeit und Mündigkeit und führt aus resignativer Passivität in konstruktiv optimistische aktive Bewältigung des eigenen Lebensschicksals in der Beziehung zu anderen Menschen!“

Die Psychologin Irmhild Harbach-Dietz, selbst an Krebs erkrankt, brachte uns mit kinesiologischen Körperübungen wieder in Schwung. Sie plädierte dafür, in Selbsthilfegruppen den Blick auf die Ressourcen zu lenken und sich nicht an den Defiziten zu orientieren. Dies ermöglicht eine andere Sicht auf die Krankheit. Dies erweitert den Blickwinkel und kann dazu beitragen, ein erfülltes Leben trotz der Erkrankung zu führen. Es ist wichtig, für eine gute und entspannte Gruppenatmosphäre zu sorgen, z.B. durch Kommunikationsregeln und Entspannungsübungen. Auch ist eine gewisse Fehlertoleranz hilfreich.

„Um Fehler zu vermeiden, brauche ich viel Erfahrung und Erfahrung bekomme ich, indem ich viele Fehler mache.“

Uns war es wichtig, auch Selbsthilfeaktive zu Wort kommen zu lassen. So gab es einen Expertenaustausch mit vier Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus den Gruppen Kaufsucht, kreatives Schreiben, Eierstock- und Gebärmutterkrebs und Morbus Crohn. Sie gaben uns einen Einblick in ihre Gruppen und was für sie die Gruppen so wirksam macht. Ein wichtiger Faktor ist der Austausch mit Gleichbetroffenen. Hier kann man Dinge besprechen, die man bei Freunden und Familie lieber nicht anspricht. Man wird verstanden und muss sich nicht verstecken. Selbsthilfegruppen sind ein Ort des Rückhalts und der praktischen Hilfe. Im Suchtbereich sind sie eine wichtige Unterstützung, um nicht rückfällig zu werden. Auch kreative Methoden in der Gruppenarbeit können eine Kraftquelle sein, wie z.B. das Schreiben von Elfchen.

„Feuer.Glut entfacht. Helle Flammen macht. Wenn Gefahr nicht erkannt. Abgebrannt.“

Zum Abschluss galt es noch den Visionsbaum mit Visionen zu füllen. Unsere Gäste hatten die Möglichkeit, ihre Visionen für die Selbsthilfe zu formulieren und auf Kärtchen anzupinnen. Es zeigt sich deutlich, dass Selbsthilfe verlässliche Strukturen und Wertschätzung braucht.

Thorsten Schuler, Nicole Bichlmeier

Selbsthilfe

Eindrücke aus unserer Arbeit

An dieser Stelle informieren wir Sie über interessante von uns organisierte Veranstaltungen, Ausstellungen, Lesungen und vieles mehr.

Sehr gut besuchter Vortrag

Wege aus der Abhängigkeit

Wir freuen uns, dass wir Herrn Heinz-Peter Röhr, Autor vieler therapeutischer Fachbücher, als Referenten für uns gewinnen konnten. Am 11. Februar 2011 hielt der Sozialpädagoge und Psychotherapeut an der Fachklinik Fredeburg in unserem Haus den Vortrag "Wege aus der Abhängigkeit".

Anhand eines Märchens zeigte er auf, wie krankhaft abhängige Beziehungsmuster und daraus resultierende Suchterkrankungen entstehen können. Heinz-Peter Röhr stellte sehr anschaulich dar, wie abhängige Menschen mithilfe der Entschlüsselung ihrer eigenen "geheimen Programme", die seit der frühen Kindheit existieren, einen Weg aus dieser Abhängigkeit finden können.

Viele Besucher/innen fanden sich in den überzeugenden und lebhaften Schilderungen aus der therapeutischen Arbeit wieder. Die Möglichkeit, am Ende in der großen Runde persönliche Frage zu stellen, wurde von vielen der 70 Zuhörer/innen genutzt.

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