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6.10.2020 / Menschen in Schöneberg

Hans Baluschek - ein Leben für die Kunst

von Elfie Hartmann. Sein Atelier befand sich viele Jahre hoch oben im Turm der Ceciliengärten in Schöneberg. Im Mai 2020 jährte sich Hans Baluscheks Geburtstag zum 150. Mal. Aus diesem Anlass zeigte das Bröhan-Museum in Charlottenburg bis Ende September eine umfassende, nach Themen gegliederte Retrospektive. Die Stadtteilzeitung war selbstverständlich vor Ort, um die Leser teilhaben zu lassen.

Foto: Elfie Hartmann

Baluschek gehörte zur ersten Generation des Berliner Realismus. Seit Mitte der 1890er Jahre war er aufmerksamer Beobachter und kritischer Kommentator des Berliner Lebens. Sein Interesse galt den sozialen Auswirkungen der industriellen Revolution in einer rasant anwachsenden Metropole.
Schon seit 1900 beschäftigte er sich intensiv mit der Darstellung von sozialen Außenseitern und Randgruppen, Geisteskranken, Alkoholiker*innen, Obdachlosen und Vagabunden, Schaustellern und immer wieder auch von Prostituierten.
Seine Kunst widmete sich schon früh den Errungenschaften und Abgründen der industrialisierten Gesellschaft. Er malte überwiegend die Verlierer der Moderne - Arbeitslose, Kriegsinvaliden, Alte und Kranke. Und so kommentierte er auf diese Art mittels seiner Kunst die moralischen Verfehlungen des Bürgertums. Jedoch, nicht unbedingt allgemein bekannt, malte und zeichnete er auch ausgesprochen Fantasievolles für Kinder- und Märchenbücher, welche hier in der Ausstellung zum Teil noch gut erhalten präsentiert werden konnten.
Stärker als in der Vergangenheit verweist die Ausstellung auf stilistische Eigenheiten des Werks und stellt Baluscheks „Naturalismus“ einer streng konstruierten Wirklichkeit vor. Akribisch angeordnet war es im Museum direkt in übergroßen Lettern unübersehbar an verschiedenen Wänden in den jeweiligen Räumen zu lesen. Weiter hieß es, die dramaturgische Zuspitzung von Alltagsszenen, die Typisierung von Bildelementen und das bewusste Überzeichnen realistischer Darstellungsweisen diene dem politischen Kommentar und hätten vorausschauend auf Strategien der kommenden Avantgarde hingewiesen.
Hans Baluschek selbst kam in der Ausstellung mit seinen allseits sichtbaren Zitaten zu Wort:
„Arbeiter, Kleinbürger, Spießer, Dirnen, Zuhälter entstanden in meiner Kunst zu dem Leben, das ich wollte. Armut, Beschränktheit, Not, Verkommenheit, Laster materialisierte ich - wenn auch nur zweidimensional. Ich fühle mich als das Instrument des Gottes, der den bedürftigen Menschen, die ich erleben muß, wohlwill.“ Oder dann wieder eine ebenso eindringliche Botschaft an anderer Stelle.
„Auch vierstöckige Mietskasernen mit ihren Hinterhäusern haben ihren Typ, ebenso wie Straßenlaternen, Trottoirbäume, Eisenbahnsignale und Lokomotiven. Ich habe sie durch Beobachtung in ihrem Wesen erkannt und hebe mit Leichtigkeit das zwingend Charakteristische hervor.“

Baluschek steht der Maschine als „Seele der Industrie“ zwiespältig gegenüber. Einerseits malte er heranbrausende Züge, Bahnhöfe und Gleisanlagen, so die weitere Information über diesen umstrittenen Maler seiner Zeit, mit detailversessener Begeisterung. Andererseits prangerte er die gesellschaftlichen Folgen und die Verelendung des Proletariats scharf an. Die einzigartigen Gemälde der Industrie aber dürften als seine künstlerischen Höhepunkte angesehen werden.
Baluschek selbst wurde oft angegriffen. So sei hier auch sein berührendstes Zitat wiedergegeben.

„Man hat mir meine „Motive“ vorgeworfen, man klagte mich an, ich verstieße gegen die Gesetze der Schönheit. Man nannte mich trocken, spröde, unmalerisch, einen Registrator, einen Übertreiber und Fälscher. Der Akademiker konnte mich nicht verknusen, weil ich ihm als Maler zu wild war. Der Impressionist rügte, meine Malerei sei keine „Malerei“. Der Symbolist wurde ob meiner Phantasielosigkeit vom Ekel gepackt, wie sich Dadaisten und Expressionisten zu mir stellen, habe ich mich noch nicht bemüht, herauszubekommen. Man verachtet mich sicher.“ Und er versucht sich fast zu rechtfertigen, ja, zu erklären wie es scheint, wie folgendem Zitat zu entnehmen ist.
„Was mich um mich herum irgendwie berührt, ergreift, packt, erschüttert, gibt mir die Impulse zu meinen Bildern. Dann formt sich die Komposition und aus meinem reichen, in meinem Gehirn aufgespeicherten Typenmaterial stellen sich die Figuren ein.“

„Ich weiß, was Schönheit ist, zeige, wo sie nicht ist, und suche sie. Ich sehe das Böse und Schlimme, konzentriere mich auf einem Rechteck von Papier oder Leinwand und suche das Gute. Ich bin nicht sentimental und liebe sanfte Farben des Protestes nicht. Meine Waffen: Pinsel, Kohle, Feder, Bleistift, sollen hauen und stechen.“

Zusammenfassend wird über diesen bemerkenswerten Maler Folgendes geschrieben:
Vor allem in Zyklen wie „Opfer“ sowie „asoziale Frauen“ zeigt sich die mit dem Thema verbundene soziale Anklage. Hier offenbaren sich die harten Lebensumstände in Berlin, die weder Schwäche erlauben, noch Rücksicht kennen. Individuelle Schicksalsschläge führen schnell in die gesellschaftliche Stigmatisierung und existenzielle Abhängigkeit. Das perfide Verhältnis von Opfern und Tätern wird in Baluscheks Arbeiten besonders greifbar, was ihnen bis heute eine enorme politische Brisanz verleiht.

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, denn letzten Endes sprechen allein seine Gemälde, Zeichnungen und Illustrationen für sich selbst, erzählen Geschichten und geben der Zeitgeschichte in besonders intensiven Darstellungen ein Gesicht.

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