Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

27.03.2020 / Menschen in Schöneberg

Die Menschen in den Zeiten von Toilettenpapier

Von Isolde Peter Zuerst war da dieses Video, das mir zugesendet wurde. Ein Berliner Drogeriemarkt. Eine tapfere Verkäuferin und eine renitente Kundin.

Peter Röhl / pixelio.de

Es ging um Toilettenpapier, das die Kundin in etwas übertriebenem Maße – der ganze Einkaufswagen war voll und auf dem Laufband lagen auch schon diverse Packungen – hortete. Küchenrolle war natürlich auch dabei. Ihr Partner behauptete, sie lebten in zwei verschiedenen Haushalten und bräuchten deshalb diese enormen Mengen. Die Verkäuferin war aber natürlich nicht auf den Kopf gefallen und zog der Kundin das Toilettenpapier weg. Diese schrie los „Sind Sie bekloppt …“. Und so weiter. Naja, wie man sich in Berlin halt aufregt, der Umgangston lässt ja bei manchen Menschen oft zu wünschen übrig. Leider.

Ich habe etlichen Nicht-Berlinern versichert, dass die Lage so schlimm in der Hauptstadt auch wieder nicht ist. Nee, sagte ich, hier prügeln sich die Leute bislang nicht um Toilettenpapier, jedenfalls in meiner Gegenwart ist es noch nicht passiert. Gibt zwar keines mehr, aber das halten auch diejenigen, die so wie ich keines gehamstert haben, locker aus. Ist ja nicht so, dass es nicht genug Papier an sich gibt. Nee, die Berliner und Berlinerinnen sind überwiegend freundlich, versicherte ich. Auf ihre Art eben. Mit Humor.

Da war zum Beispiel dieses Pärchen im Supermarkt, das zwei Einkaufswägen vollgeladen hatte. Alles in vierfacher Menge. Fast schon erstaunlich, denn die Regale waren bereits ziemlich leer. Ein älterer Mann sagte: „Na, nur wegen dem Virus müssen Sie ja nicht gleich eine Riesenparty feiern.“ Das Pärchen guckte schuldbewusst. Aber wer kann schon beurteilen, ob sie nicht auch für Nachbarn mit eingekauft haben. Oder bei ihnen zwei Wochen Quarantäne anstehen. Und dann wandte der Mann sich an die Kassiererin und schlug ihr vor, ihm die ganzen Kassenzettel zu geben. „Kann man doch prima als Toilettenpapier hernehmen.“

In meiner Nachbarschaft standen, als ich zurückkehrte vom Einkaufen, zwei Frauen in einer Distanz von ca. 2 Metern da und unterhielten sich. Natürlich laut genug, damit sie sich verstehen konnten. Und ich auch sofort hörte, um was es ging. Toilettenpapier.
Das gab es an dem Tag nämlich nirgendwo mehr.
„Wieso horten die Leute Toilettenpapier?“, fragte die eine. „Das kann man nicht einmal essen.“
„Naja, Dosen kaufen sie auch wie bekloppt. Ditt is die Nachkriegsgeneration, die will ditt nie wieder erleben, dass sie hungern müssen, weil nüscht mehr da ist. Aber Toilettenpapier?“

Das Internet hatte auf diese Frage sehr unterschiedliche Antworten. Die Wirtschaftsexperten: „Toilettenpapier lässt sich gut lagern, kostet nicht viel und man kann es immer gebrauchen.“
Psychologen: „Die Angst vor Kontrollverlust führt dazu, dass die Leute etwas kaufen, was nicht schlecht werden kann und in großen Mengen gelagert werden kann.“
Bis hin zu Evolutionstheorien eines Psychiaters, der meinte es sei die Infektion, die man in so einer Krise vermeiden will. Das Toilettenpapier schütze zwar nur vermeintlich, aber lindere den Ekel, den man vor diesen unsichtbaren Viren empfinde.
Da haben es die Experten also richtig krachen lassen mit ihren Theorien.

Persönlich finde ich die Theorie mit der Nachkriegsgeneration aber auch ziemlich schlüssig. Deren Ängste übertragen sich. Als ich nämlich einen Tag später Leute mit Toilettenpapier rumlaufen sah und sofort kombinierte, dass der Supermarkt in der Nähe offensichtlich Nachschub bekommen hatte, war ich dann doch irgendwie die Tochter meiner Mutter. Diese hat den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit erlebt und oft davon erzählt. Ich zog also los und griff zu. Nur bin ich auch noch umweltbewusst und kaufe bevorzugt Recycling-Papier. Und weil alle sonst Mega-16er-Packungen mit Luxus-Papier kauften, nahm ich zwei 8er Packungen Recycling-Toilettenpapier. Sicher ist sicher. Und es kam mir auch gerecht vor.

An der Kasse wurde mir dann erklärt, dass jeder nur eine Packung mitnehmen darf. Ich schätze mal, dank des Videos mit der renitenten Kundin, redeten sowohl die Kassiererin als auch die Kunden hinter mir (alle mit jeweils einer riesigen 16er Packung nicht-recyceltem Papier plus Doppelpackung Küchenrolle) erstaunlich sanft und beruhigend auf mich ein. „Jetzt gibt es doch wieder Toilettenpapier. Sie können ja nachher nochmal welches holen. Oder morgen.“

Dabei war ich gar nicht am Protestieren, mir war die Situation eher peinlich, wo ich das Hamstern selbst blöd finde und nun als raffgierig dastand. Ich hoffe auch, es hat mich niemand gefilmt von wegen „Öko-Frau will zwei Packungen Recycling-Toilettenpapier kaufen.“

Ich hoffe, wenn Sie dies lesen, hat sich die Lage vielleicht schon wieder ein wenig normalisiert. Meine Tochter fragt jeden Tag, ob ich solch eine Situation jemals erlebt habe. Da fällt mir nur Tschernobyl 1986 ein. Da war ich so alt wie meine Tochter und die Zukunft war plötzlich ähnlich ungewiss. Und dann sorgt sie sich, ob bald eine Ausgangs-sperre in Berlin kommt. Und ich weiß es nicht. Das weiß niemand. Und wie sich eine solche Ausgangssperre anfühlt, das weiß ich auch nicht. Das könnte wiederum auch nur meine Mutter, also die Oma, erzählen.

Das ist das Merkwürdige an dieser Zeit. Man weiß einfach nicht, was in ein paar Wochen sein wird.  Vielleicht gibt es Toilettenpapier in rauen Mengen, und man fasst sich an den Kopf, was eigentlich los war mit der Welt. Das wäre schön.

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