Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

25.02.2014 / Orte und Plätze

Das schwarze Loch auf der Roten Insel

Viele Menschen hadern mit Kunst, wenn diese den Bereich des Gegenständlichen verlässt, und viele lehnen die Mühe ab, abstrakte Beschreibungen der Wirklichkeit als Wege der Erleuchtung zu nutzen.

Der preisgekrönte Entwurf „Windfanf“ von Katharina Karrenberg

Aber verliert Kunst dann ihre Daseinsberechtigung, wenn sie bekannte Wege verlässt? Oder erfüllt sie nicht gerade dadurch ihren Auftrag, dass sie die Welt als gewohnheitsmäßige Ausdeutung anhält und zum außerordentlichen Nachdenken auffordert? Wenigstens sind sich die meisten darin einig, dass Kunst zum Zwecke der Verbesserung von Lebensqualität menschliches Handeln nachahmend beschreibt, auch wenn sie auf Natur blickt, auch wenn sie neue Formen einsetzt.
Dieser Ansicht waren bereits die altgriechischen Philosophen  Platon und Aristoteles, die den Ursprung von Kunst im Mythos verorteten, der allerdings schon zu ihrer Zeit  im Absterben begriffen war. Nach ihnen stand am Anfang von Kunst die heilige Handlung, die vor den unbegrenzten Möglichkeiten der Zufälle durch die nachahmende Benennung der Gefahren schützen und deren Bewältigung durch die Intensivierung der eigenen Kräfte befördern sollte. Dies geschah am Anfang im gemeinschaftlichen Tanz, der ohne Ausnahme in der Spannung von Rhythmus, Stimme und Bewegung vollzogen wurde. Wer schon einmal eine Nacht durchgetanzt hat, der wird die Steigerung der eigenen Lebenskräfte durch Tanz bestätigen. Später wurde die kraftübertragende Wirkung auch Gegenständen, Bildwerken und Statuen zugeschrieben. Und wer wenigstens einen liebgewordenen Gegenstand aufbewahrt, der weiß auch um diese Wirkung.

Heute ist Kunst nicht mehr mystischer Vollzug in einer gemeinsamen Kräftigungshandlung, heute nähert sich ihr ein vereinzelter Konsument, indem er die darin angebotene Deutung menschlicher Wirklichkeit nachzuvollziehen sucht. Was für ein Unterschied! Und doch geht es auch heute immer noch um  Kraftübertragung. Der unglückliche Heinrich von Kleist etwa ließ  trotz der Beschwernisse der Postkutschenzeit keine Gelegenheit aus, um die bereits damals in der Dresdener Gemäldegalerie hängende „Madonna mit dem Kinde“ von Raffael zu besuchen. Aber ist Kunst auch heute und in ihren heutigen Formen noch in der Lage, einen gemeinsamen Ort des Angedenkens und der Vergewisserung zu gestalten? Vor dieser Frage stehen Verantwortliche und Interessierte bei der bereits vor Jahren in der BVV beschlossenen Schaffung eines „Gedenkzeichens Kohlenhandlung Julius und Annedore Leber“, so der Titel des Kunstwettbewerbs, der vor zwei Jahren mit 6:1 Jury-Stimmen für den Entwurf „Windfang“ von Katharina Karrenberg endete.

Der eingefangene Wind der Geschichte
Zu diesem Kunstwettbewerb war es gekommen, nachdem Untersuchungen ergeben hatten, dass die historische Baracke der Kohlenhandlung an der Torgauer Straße  im Krieg zerstört und nach dem Krieg von Annedore Leber etwas versetzt aus Bauresten wieder aufgebaut worden war. Zwar führte sie von hier aus bis zu ihrem Tode im Jahr 1968 die Kohlenhandlung weiter und leitete von hier aus auch den von ihr gegründeten Mosaik-Verlag, der nach dem Krieg die ersten Bücher zum deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus überhaupt veröffentlichte. Doch ist dies nicht die historische Baracke, in deren Hinterzimmer Julius Leber mit Verschwörern aus allen politischen Lagern und mit dem militärischen Widerstand um Graf Stauffenberg zusammentraf, was er mit seinem Hinrichtungstod in Plötzensee bezahlen musste.

Nun ließe sich  späteren Besuchern mit der Baracke zwar vermitteln, wie die typischen Kleingewerbebauten vor Ort einmal ausgesehen haben. Und für den Fall einer Nutzung als Informationsstandort zum zivilen Widerstand wäre bestimmt auch verständlich zu machen, dass dies nicht die authentische Wirkungsstätte des ehemaligen SPD-Reichstagsabgeordneten Dr. Julius Leber gewesen ist, der trotz der in fünfjähriger KZ-Haft erlittenen Qualen in seinem Widerstandswillen nicht nachließ und im Jahre 1939 schließlich durch den Erwerb der Teilhaberschaft an der Kohlenhandlung Meyer dem Widerstand jenen Ort geben konnte, um dessen Kenntlichmachung es nun geht. Doch eine solche Lösung würde viel Geld kosten. Das Haus müsste nicht nur instandgesetzt, sondern auch eingerichtet und unterhalten werden, von den Personalkosten nicht zu reden. Da kam dem Bezirksamt wie gerufen, dass noch 20 000 Euro aus dem Programm Stadtumbau West für Kunst am Bau abzurufen waren, denn die historisch bedeutsame Baracke liegt auf dem Gelände für den geplanten überregionalen Grünzug, der aus diesem Landesprogramm finanziert wird.

Das Bezirksamt ging also von vornherein ein hohes Risiko ein, als es den Kunstwettbewerb mit der Maßgabe auslobte, an dieser historischen Stätte zukünftige Besucher und Spaziergänger mit den Mitteln der Kunst anzusprechen und zum Nachdenken anzuregen. Doch hatte wohl niemand mit einem solchen Sturm der Entrüstung gerechnet, der nach Bekanntgabe des Ergebnisses von Seiten derer losbrach, die sich hier einen Ort der Schaustücke und Belehrungen wünschen, und keinen Ort des von Kunst angestoßenen Nachdenkens. Dieser Streit hält nach wie vor an, so dass die staatliche Kunstkommission des Landes Berlin inzwischen empfohlen hat, den preisgekrönten Entwurf zwar zu honorieren und auch zu dokumentieren, nicht aber zu realisieren. Das wiederum hat zu mittlerweile bundesweiten Protesten von Organisationen der Künstler geführt, die auf die Gefahren politischer Einflussnahme auf die Kunst hinweisen.

Der Entwurf und seine sieben Zeichen
Kunst kann mehr als belehren. Wie schon zu Zeiten des Jagd-Zauber-Tanzes kann sie neben der Benennung des Spannungsfeldes auch das Handeln motivieren. Und der preisgekrönte Entwurf „Windfang“ tut dies mit ganz eigenen Mitteln. Freilich liegt gerade darin der Hase im Pfeffer, denn die Gegner des Entwurfs befürchten, dass kunstferne Besucher durch die eingesetzten Mittel möglicherweise nicht erreicht werden. Doch dem hält die Künstlerin entgegen, dass ein Denkmal selbstverständlich auch der Verschriftlichung bedarf, über die in der aufgeregten Debatte allerdings gar nicht gesprochen wird.

„Kunst setzt historisches Bewusstsein über Bildlichkeit in Gang“, sagt Katharina Karrenberg im Gespräch mit dem Verfasser dieses Berichts, „ das ist ein anderes Herangehen als das über Sprache. Als Künstlerin denke ich bildlich. Für mich sind daher die noch vorhandenen architektonischen Elemente ein ganz wichtiger Anknüpfungspunkt. Dazu gehören die Grundmauern, der Schnitt, die Treppe, der Windfang, die Steckdosenleiste, das Podest, die Schrift.“ Und in der Tat haben diese sieben Bildzeichen beträchtliche Aussagekraft, sobald man sich nur auf sie einlässt.

Die nach dem Abtragen  auf eine Höhe von 30 cm stehen bleibenden Grundmauern zeigen auf das hier einst erhoffte Dauerhafte und  dennoch im Sturm von Geschichte und Vergänglichkeit scheinbar Verlorene. Der quer durch das ehemalige Gebäude durchgeführte Schnitt öffnet den Blick auf einen zunächst leeren Raum, der zum Auffüllen mit eigener Erinnerung auffordert. Die Treppe markiert die Leiter der dazu notwendigen Denkarbeit. Der namengebende Windfang bezeichnet die doppeltürige Sicherheitsschleuse gegen Wind und Wetter und gleichzeitig auch das Schutzbedürfnis des hier einst geheim Verhandelten. Die Steckdosenleiste markiert den historischen Standort der ehemaligen Kohlenhandlung zwischen dem ehemaligen Gasag-Gelände und dem ehemaligen Elektrizitätswerk. Das Podest steht als symbolisches Rednerpult für die Aufforderung, in gleicher Weise mitzureden und mitzutun, wie es Julius Leber vorgelebt hat. Die Schrift schließlich, die das Wort „Windfang“ in der Form der von Hitler verbotenen  Sütterlin-Schrift in das Podest einschreibt, ist aus der historischen Bauakte übernommen, die den Wiederaufbau der kriegszerstörten Baracke durch Annedore Leber skizzierte. Sie ist das Denkzeichen für die Unzerstörbarkeit jener Werte, für die beide Lebers hier eintraten.

Da die Künstlerin als Zugang zum Gedenkort einen Weg vorgeschlagen hat, der die „Schöneberger Schleife“ wieder aufnimmt, indem er  vom Hauptweg über Treppe und Podest zum alten Fundament und über den offenen Hinterausgang in einer sanften Schleife wieder zum Hauptweg zurückführt, könnte sich gerade hier nun der noch gar nicht verhandelte Nachdenk-Weg mit der allseits gewünschten Verschriftlichung in Form von Hinweistafeln anschließen. Das könnte mit der Erläuterung der verwendeten Bildsprache beginnen. Es könnte fortgeführt werden durch eine Dokumentation der speziellen Mischung von Wohnen und Gewerbe zur Zeit der historischen Kohlenhandlung. Eine dritte Tafel könnte sich dem hier praktizierten zivilen Widerstand widmen. Und eine vierte Station könnte die Persönlichkeit der beiden Lebers verlebendigen.

Die Debatte um die angemessene Form des Gedenkens an diesem Ort geht jedenfalls weiter. Das Bezirksamt lädt alle Interessierten zum Besuch der Dokumentation der Entwürfe und begleitenden Wettbewerbsmaterialien ins Schöneberger Rathaus ein.

24.3.14 – 11.4.14
Raum 1003
Montag – Freitag
Termin nach Vereinbarung unter Tel.: 90277 3500

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